«Die ganze Welt ist Bühne»


Das gesprochene Wort in Verbindung mit der Körpersprache: Auch beim Lesen und Erzählen bleibt Hannelore Fischer Knuth Schauspielerin. Rechts neben ihr Moderatorin Marie-Helen Lüchinger.

Foto: Annemarie Schmidt-Pfister

Auch der kleinste Ort der Welt kann zur Bühne werden, wenn man die Welt dorthin holt – wie dies Autorin und Schauspielerin Hannelore Fischer im Küsnachter Höchhuus am letzten Donnerstag tat: «Gemütlich ist es hier!», meinte sie in ihrer verschmitzten Art zum Auftakt des neuen Küsnachter Literaturforums «booXkey».

Um fünf vor neun morgens fand im kleinen Lesezimmer das grosse Stühlerücken statt: Nicht zwei bis sechs Besucher hatten sich zum Gespräch mit Hannelore Fischer Knuth eingefunden, wie all jene gedacht hatten, denen das Lese-Date allzu früh angesetzt schien. Auch nicht 15 Besucher waren es, wie die Bestuhlungsmannschaft erwartet hatte. Nein, 20, 30 und immer noch mehr Besucher drängelten sich durch die schmale Tür, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Zumeist Besucherinnen waren es – einzig der Jüngste unter ihnen bildete eine Ausnahme: Gerade einmal 14 Wochen alt war der kleine Mann, der kurz vor Schluss der Lesung mit einem wohligen Seufzer in Mamas Brustbeutel selig einschlief und dafür von Hannelore Fischer ein einfühlsames «Oh Henry!» mit in den Schlummer nehmen durfte. Henrys Grossmama Marie-Helen Lüchinger – neben Susanna Vollenweider Organisatorin des Literaturforums «booXkey» – moderierte derweil geschickt Gespräch und Lesung.

«Bestanden!» 
Wer kennt sie nicht in Küsnacht? Hannelore «Lorli» Fischer, Witwe von Schauspieler Klaus Knuth und Schwiegertochter des Theater-Urgesteins Gustav Knuth, gehört zu uns wie der «Alexanderstein » – sie war schon immer da! Oder etwa nicht? Geboren wurde sie jedenfalls im «fernen» Wien, sozusagen am Puls der Theaterwelt, ging auch dort zur Schule, und ihre Familie erwartete selbstverständlich, dass sie ein «seriöses» Studium in Angriff nehmen würde. Doch da spielten auch noch andere Gene mit: Immerhin war Lorlis Onkel der legendäre, unvergessliche O. W. Fischer, Schwarm unser aller Mütter und Grossmütter! Was Wunder, meldete sich die Schülerin heimlich zur Aufnahmeprüfung am Wiener Reinhardt-Seminar – und machte ihren Eltern erst nach (bestandener!) Prüfung davon Mitteilung. Wobei sie das Resultat – sie erzählt es mit schelmischem Schmunzeln – schnell, schnell zwischen zwei Schulstunden aus der Telefonzelle erfragte und vor Glück hüpfte, als sie bei Nennung ihres Namens hörte: «Bestanden!»

«Die arbeiten nicht – die spielen» 
Dann kamen Engagements hier und Rollen dort, und es kam die Begegnung mit Klaus Knuth: «Er hatte am selben Tag wie ich die Prüfung gemacht und stand dann irgendwann vor mir, gross, vertrauenswürdig, mit starken Schultern. » An denen Hannelore Fischer fortan den ersehnten Halt fand. Das junge Paar lebte mal in München, mal in Küsnacht und bald schon kam Tochter Nicole zur Welt, die heute die Dynastie von Grossvater Gustav Knuth und Grossmutter Gustl Busch über ihre Eltern Klaus Knuth und Hannelore Fischer Knuth weiterführt: 2011 wurde das musikalisch-satirische Duo (Nicole) Knuth und (Olga) Tucek mit dem «Salzburger Stier» und 2013 mit dem Schweizer Kabarett-Preis Cornichon ausgezeichnet. Damals allerdings, im Küsnachter Kindergarten, war Nicki, wie man sie zu Hause liebevoll nannte, mit der Frage, was denn ihre Eltern arbeiten würden, etwas überfordert: «Die arbeiten nicht – die spielen», soll die kleine Nicole die Frage nach dem Beruf ihrer Eltern beantwortet haben, «Mama ist eine Gänsin, und Papa ist der König Ubu!»
Hannelore Fischer Knuth, selber noch manche Jahre als Schauspielerin am Zürcher Schauspielhaus und an anderen Bühnen tätig, ist heute vornehmlich Autorin. Das geschriebene und das gesprochene Wort wiegen für sie beide gleich – Lesen, Schreiben und (Schau-)Spielen liegen so nahe beisammen, dass die Grenzen fliessend sind.
Vermutlich zieht sich auch das Talent, mit diesen Genres umzugehen, gleichermassen fliessend durch – Hannelore Fischer ist nicht nur Schauspielerin und Autorin, sondern, wie sich jetzt in Küsnacht wieder zeigte, auch eine begnadete Causeurin und Vorleserin. Ob sie aus ihrem allerersten Buch «Lampenfiebrig» vorliest oder aus ihrem kürzlich erschienenen Theaterthriller «Die Altmeister», ist egal: Ihre leicht brüchige Stimme und ihr einschmeichelnder Wiener Akzent nehmen sofort gefangen, sie liest leise, unaufgeregt und entführt dabei die Zuhörer in eine den meisten fremde, dabei gleichzeitig vertraut wirkende Welt, wo sie auf Namen treffen, die alle kennen und die grosses deutschsprachiges Theater verkörpern: neben den Knuths etwa Ruth Leuwerik und Christiane Hörbiger, Peter Weck, Karl Heinz Böhm und viele, viele andere. Dorthin, wo – mit Altmeister William Shakespeare zu sprechen – die ganze Welt Bühne ist. Gemütlich wars!

03.03.2016 Von: Annemarie Schmidt-Pfister / Lokalinfo